Best Practise

Best Practice und trotzdem nicht gut genug

Best Practice – Schon die Namensgebung verheißt besonnenes, auf zahlreichen Erfahrungen fußendes Vorgehen. Und in vielen Fällen, vor allem dort, wo es zunächst darum geht, ein Projekt das zuletzt – sagen wir mal 2005 – aktualisiert wurde aus seinem Dornröschenschlaf zu neuem Leben zu erwecken, kann ein Vorgehen nach rein allgemeingültigen Heuristiken gut und günstig sein.

Leider kommt jetzt sofort das Eigentlich. Denn eigentlich gibt es keine digitalen Projekte, die im experimentellen Vakuum gemacht werden.
Das muss erklärt werden: Wenn wir die Idee von Best Practice heranziehen, bedeutet das, dass es – pro späterem Einsatzzweck eines Projekts – ein idealtypisches Ergebnis gibt, welches ebenso für alle ähnlich gelagerten Projekte gilt. Im Extremfall würde das bedeuten, es gibt ein gemeinsames Ergebnis für alle diese Projekte und auch nur eine Möglichkeit wirklich gut zu sein. Was hieße, alle Shops wären identisch, alle Blogs, alle Produkt- oder Dienstleistungspräsentationen. Alle würden sich lediglich im Absender unterscheiden. Soweit zum Modell.

Sobald man jedoch die Welt wie sie ist betrachtet und die individuellen Faktoren jedes Projekts und Unternehmens miteinbezieht, wird klar, dass ein reines Vorgehen nach Best Practices weder wünschenswert noch erfolgversprechend ist. Weltweit und in fast jeder Business Branche beobachtet man derweil vor allem eines: Die Abkehr von der One-Size-fits-all-Philosophie und dem Ready-Made-Solutionism. Wenn Unternehmen einer Branche sich alle der gleichen besten Lösungen bedienen, unterscheiden sie sich nicht mehr voneinander. Morgen schon sehen alle identisch aus. Und die Unterscheidung am Markt, vor und von den Menschen mit denen Unternehmen interagieren, ist das Zünglein an der Wage zum geschäftlichen Erfolg.

Auch klar ist, dass Unternehmen, Marken und Produkte sich nicht allein durch unterschiedliche Farbgebung unterscheiden sollten und dass einfache Funktionen, die ein einzelnes Unternehmen heute anbietet, morgen von zehn weiteren Unternehmen angeboten werden können. Die Möglichkeit der Individualität von Unternehmen liegt in Angebot, Service und Story. Und vor allem darin, wie Kunden und potenzielle Kunden diese wahrnehmen.

In Zeiten, in denen Kunden Anbieter wechseln wie Unterwäsche, müssen Unternehmen Pflicht und Kür beherrschen

Pflicht stellt dabei Best Practice dar: State-of-the-Art Leistungen und Services, zum Beispiel schnelle Lieferung und kostenlose Rücksendung bei Online-Shops. Kür ist komplizierter: Was kann nur ich? Welche Nische kann ich besetzen, die ein anderer nicht so einfach kopieren kann? Wie kann ich die besten Produkte für meine sehr speziellen Kunden entwickeln? Welche Gründe liefere ich Kunden, mich zu wählen?

Es gibt kein Unternehmen, das diese Fragen identisch beantwortet. Und ebenso sollten auch Angebote, Services und Stories für jedes Unternehmen individuell sein. Mit Kür, sprich Eigenständigkeit und Differenzierung, berührt man das Thema Innovation. Und auch das ist der Lauf der Dinge: Aus Kür wird – wenn sich Nachahmer finden – in immer kürzeren Zyklen Pflicht.

best practices

Was also empfehlen? Welche Aussagen treffen zu? Hier kann gecheckt werden:

A1: Wir wollen so gut wie oder besser als unsere Mitbewerber werden.

B1: Wir wollen zunächst kurzfristig Anschluss an unsere Mitbewerber finden. Weiter in die Zukunft wollen wir jetzt noch nicht denken und uns ist bewusst, dass, während wir aufholen, die anderen weiterlaufen.

A2: Das Projekt über das wir sprechen, ist für unseren geschäftlichen Erfolg der wichtigste oder einer der wichtigsten Treiber.

B2: Das Projekt über das wir sprechen, ist für unseren geschäftlichen Erfolg eine gute aber optionale Ergänzung.

Die Lösung ist bereits bekannt? War ja auch nicht so schwer. Wer zu A tendiert sollte Individualität anstreben. Wer eine B-Tendenz hat, dem reicht es, aufzuschließen.

Wo fängt man am Besten an?

Quantitative und qualitative Daten und deren übersichtliches und sinnvolles Mapping ebnen uns den Weg zu mehr innovativer Differenzierung. Heute ohne valide Daten loszulegen ist wie mit geschlossenen Augen in den Himmel zu schießen, und zu hoffen, dass ein toter Vogel runterfällt.
In manchen Fällen funktionieren aber natürlich auch Best Practices. Kurzfristig. Wer langfristig vorne sein will, muss immer wissen, wer er ist, wo er steht und mit wem er spricht und braucht um das darstellen zu können, innovative, eigenständige Lösungen.

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Katja Paar

Digital Strategist, Storyteller, Visualizer, Design Thinker, Speaker, UX Enthusiast, Trainer, Hiker, Salsera, Head of Strategy & Design bei mediaworx (linkedIn)

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